Im Keller

Die Kundin sagt, da unten im Keller ist eine Katze gestorben, die lag da drei Wochen, das riecht man ja auch. Ich komme nicht mit runter, ich kann das nicht. Sie können da aber gerne alleine runtergehen, ich warte in meiner Wohnung, Licht ist da unten aber nicht überall.

IMG_6342

Meine Begeisterung hält sich in Grenzen. Ich gehe in den Keller und gucke mir die Fenster an, wir sollen alle kaputten Scheiben reparieren. Alles ist vollgestellt, dreckig, eng und dunkel. Und es riecht nicht, es stinkt. Durch einige Fenster kommt der Efeu herein und macht sich an den Kellerwänden breit. Ich mache Fotos mit dem Handy, im Blitzlicht kann man ein paar Details erkennen. In den Räumen ist es stockdunkel. Und dann mache ich einen Schritt in einen Kellerraum hinein und trete in etwas Weiches. Meine Phantasie braucht nur erschreckend wenig Zeit, um das Bild eines Katzenkadavers entstehen zu lassen, prall und aufgebläht. Und dieser Geruch! Mit einem Pulsschlag wie ein Kolibri leuchte ich vorsichtig und langsam mit dem Handy nach unten. Das ist wieder so ein Moment, denke ich, den man eigentlich gar nicht erleben möchte. Warum passiert mir so etwas? Das geht mich doch gar nichts an!

Im Lichtschein vor meinen Füßen liegt ein altes Sofakissen.

Spezialauftrag

Der Praktikant kommt ins Büro und teilt mir mit, dass er Samstag leider nur wenig Zeit habe und dass Arbeiten auf dem Wasser so gar nicht seine Sache wäre. Ich verstehe gar nichts, sage aber vorsichtshalber, dass er dann mit Sicherheit Einiges verpassen würde.

Ich frage bei den Gesellen nach und erfahre, dass sie dem Lehrling und dem Praktikanten erklärt hätten, dass die eben gelieferten zwei Bodentürschließer am Samstag in einem U-Boot eingebaut werden müssten. Und die Funktion dann natürlich auch während der Fahrt geprüft werden sollte. Die Teilnahme an diesem Spezialauftrag sei eigentlich erfahrenen Gesellen vorbehalten, aber man könnte vielleicht eine Ausnahme machen…

IMG_6283

Sturm

Sturmschäden sind selten geworden. Das stimmt so nicht, Sturmschäden gibt es natürlich in großer Zahl, aber die Anzahl der Glasschäden durch Sturm ist zurückgegangen. Die Stürme werden kräftiger und kommen in höherer Frequenz, aber es gibt immer weniger Glasbruch. Durch die Abdichtung der Scheiben mit Gummi oder Silikon-Versiegelung, wie es in modernen Fenstern seit Langem üblich ist, brechen die Scheiben meist auch dann nicht, wenn Fenster oder Türen einmal zuschlagen. Das war früher anders, als die Scheiben in Kitt gelagert waren, der steinhart wurde und dadurch unnachgiebig. Das Leben ist also ein Stückchen sicherer geworden.
Man könnte meinen, durch die Häufigkeit der Stürme in letzter Zeit ist alles, was lose war, schon weggeweht und stabiler repariert worden. Aber kaum bläst der Wind einmal aus einer anderen Richtung als bei üblichen Stürmen – schon klingelt das Telefon.

„Können Sie unser Vordach reparieren?“ fragt eine Kundin. „Sicherlich, kann ich mir das bei Ihnen ansehen und ausmessen?“ frage ich zurück. „Eigentlich schon, ich muss Ihnen nur sagen, dass unser Vordach jetzt eine neue Adresse hat. Es liegt ein paar Häuser weiter in einem Hinterhof.“

„Reparieren Sie auch Glasdächer von Wintergärten?“ erkundigt sich der nächste Anrufer. Ich bejahe und höre dann: „Gut zu wissen, ich melde mich, wenn die Eiche aus dem Haus ist.“

Der nächste Anrufer: „Bei uns steckt eine Scheibe im Rasen, können Sie die entsorgen?“ Das haben wir dann gemacht, wir haben aber nie erfahren, wo die Scheibe herkam, aus der unmittelbaren Nachbarschaft jedenfalls nicht, das haben wir erfragt.

Praktikanten, mal wieder

Im Laufe des letzten Herbstes habe ich wieder jungen Leuten die Chance auf ein Praktikum gegeben.

Thomas* kommt aus eigenem Antrieb, um sich vorzustellen. Er nennt seinen Namen und sofort weiß ich, dass ich seinen Großvater kenne, er ist Kunde bei uns. Außerdem haben wir öfter zusammengearbeitet, als er im Museum als Restaurator tätig war. Darüber hinaus hatte dieser mich vor Jahren einmal gefragt, ob sein Enkel eventuell einmal bei uns lernen könnte. All das liegt lange zurück.
Ich frage also: „Wie geht es deinem Opa, der hat doch früher im Museum gearbeitet?“
Achselzucken, große Verwunderung. „Echt? Krass. Wusste ich nicht, glaube ich nicht, der ist doch immer zuhause.“ Ich erkläre ihm, dass sein Großvater ja nicht als Rentner auf die Welt kam und ein langes Arbeitsleben hinter sich hat. Thomas bleibt skeptisch.
Wir vereinbaren ein Praktikum und müssen leider wieder feststellen, dass hier jedes Engagement umsonst ist. Es gelingt uns eine Woche lang nicht, ihm das Glasschneiden beizubringen. Die allereinfachste Übung, die jeder Schülerpraktikant nach ein paar Minuten versteht und ausführen kann, kann er nicht nachvollziehen. Wir üben wirklich tagelang, unser Lehrling hat eine unendliche Geduld mit ihm, Thomas lernt es nicht. Er lernt es so derartig nicht, dass ich schon überlege, ob das ein Spaß mit versteckter Kamera ist, aber es ist wirklich so. Er kann es einfach nicht. Auch in der Theorie ist ihm nichts zu vermitteln, gar nichts. Der Großvater war ein begnadeter Handwerker, hier ist davon leider nichts zu entdecken.
In der zweiten Woche breche ich das Praktikum ab, schicke ihn nach Hause. „Aber es war immer so nett hier!“ sagt er. Ja, das genügt aber nicht, erkläre ich, da muss auch irgendwann eine Leistung erkennbar sein. Ich glaube nicht, dass dieser junge Mann jemals irgendeinen Beruf erlernen kann, nicht den einfachsten. Es ist ein Trauerspiel.

Kalle* hatte wohl auch mal Schulbildung versucht, allerdings ohne Erfolg. Er sagt, er sei bereit, jetzt etwas für seinen Aufstieg zu tun und wolle mal bei uns mitmachen, „vielleicht erträgt man das ja sogar. Aber dann muss ich morgens auch so früh hier sein, wie die Gesellen, oder? Ich versuch’s auf jeden Fall mal.“
Er hat keine Lust. Er begreift das Prinzip Arbeit nicht, er wartet sehnsüchtig auf den Feierabend, auf die Couch, auf den Spieleabend am PC. Irgendwann sage ich ihm, er solle nach dem Frühstück die Kellertreppe fegen. Unser Sozialraum liegt im Keller und die Treppe muss eigentlich immer gefegt werden. Als ich mittags in den Keller gehe, ist die Treppe nicht gefegt. Ich frage nach und bekomme zur Antwort: „Ach, sollte ich das wirklich machen?“ „Ja, das solltest du wirklich. Also dann jetzt, sofort.“ Nachmittags ist die Treppe gefegt, der gesamte Dreck liegt auf dem unteren Treppenabsatz. „Warum hast du den Dreck nicht aufgefegt und rausgebracht?“ frage ich mit erhöhtem Pulsschlag. „Na, ich dachte, mit unseren Arbeitsschuhen, da wird das doch sofort wieder sandig, das wäre ja total sinnlos, das wegzumachen.“ Er meint das ernst, vollkommen. „Dann brauchen wir ja morgens auch nicht aufzustehen“, sage ich scherzhaft, „wir gehen ja sowieso am Abend wieder ins Bett. Das ist ja dann auch total sinnlos.“ Er grübelt. Und darf dann gehen. Vielleicht grübelt er immer noch, man weiß es nicht.

Wir bekommen irgendwann einen Anruf von einer Betreuungsgesellschaft, ob wir einem jungen Mann die Chance eines Praktikums geben würden. Na klar. Ich recherchiere und stelle fest, dass die Gesellschaft mit Behinderten arbeitet. Ob das funktionieren wird, weiß ich nicht, bin aber gespannt, wer da wohl kommen mag. Und dann steht eines Tages ein auffallend kleiner Afrikaner, etwas schüchtern, aber ganz neugierig, was nun wieder mit ihm passiert, bei uns im Büro. Sein Betreuer erzählt, dass er im Alter von 10 Jahren aus Ghana nach Deutschland gekommen sei, hier bei seinem Vater lebe, und auch den Hauptschulabschluss erreicht habe. Das finde ich ganz beachtlich, wenn man bedenkt, dass er erst die Sprache erlernen musste. Er habe bereits einige Praktika hinter sich, erfahre ich, „aber das war alles nichts.“
Wir vereinbaren ein zweiwöchiges Praktikum, einen Tag in der Woche hat er außerdem Schule.
Er ist der beste Praktikant seit langer Zeit. Aufgeschlossen, einsatzwillig, immer gut gelaunt, mit strahlendem Lächeln und glänzenden Augen, überhaupt nicht dumm, wir sind ganz begeistert. Eine Behinderung hat er übrigens nicht. Er hat Spaß an der Arbeit und macht große Lernfortschritte, nur manchmal hat er Schwierigkeiten, wenn er irgendwelche Wörter nicht kennt. Das ist für uns natürlich nachvollziehbar. Man erkennt daran sehr gut, wie selbstverständlich für uns alles ist. Für ihn sind die Schrauben einer sehr bekannten Marke vom Verstehen her “Spatzschrauben”. Ich ermuntere ihn darauf hin, uns mit Fragen zu löchern, und die Gesellen, immer zu prüfen, ob sie wirklich richtig verstanden wurden.
Mittlerweile haben wir das Praktikum verlängert und er hat reelle Chancen, im Herbst einen Ausbildungsvertrag zu bekommen. Und wir haben auch erfahren, dass er bei seinen anderen Praktika entweder wochenlang nur putzen musste, oder ihm gleich gesagt wurde, er wäre für das Handwerk nicht geeignet, „so mit Kundenkontakt“, zweifellos eine Anspielung auf seine Hautfarbe. Für uns ist Hautfarbe oder Religion kein Thema, hier muss man nur ins Team passen, arbeiten und sich benehmen können. Ich habe allerdings die Befürchtung, dass wir uns früher oder später mit dem Thema beschäftigen müssen und habe daher die Gesellen angewiesen, im Falle von negativen Äußerungen oder Ablehnung die Kunden vor die Wahl zu stellen, ihre Einstellung noch einmal zu überdenken, oder anderenfalls auf die Ausführung des Auftrages zu verzichten. Bisher haben wir allerdings keine negativen Tendenzen festgestellt. Ich hoffe, das bleibt so.

*Die Namen wurden geändert.

Lüften allein reicht ja nicht

In dieser Jahreszeit ist die Schimmelpilz-Problematik wieder hochaktuell.

Oft fragen mich Kunden, warum denn ihre Scheiben von innen beschlagen und warum die Versiegelungsfugen so schwarz sind.  Und ob man mit neuen, besser dämmenden Scheiben Abhilfe schaffen könne.

Wer den Schimmelpilz vermeiden will, muss zunächst Bedingungen schaffen, unter denen das Pilzwachstum verhindert wird. Und das sind, pauschal gesagt, Lufttemperaturen von 19-20°C und eine relative Luftfeuchtigkeit bis 50%. Nur wenn die Raumtemperatur entsprechend hoch und die Luftfeuchtigkeit gering genug ist, hat man die Gewähr, dass auch die Wände und Fenster warm und trocken genug sind und sich kein Schimmelpilzbefall zeigt.

Luftfeuchtigkeit zu hoch – Temperatur zu niedrig

IMG_4768

Diese Werte werden oftmals nicht erreicht oder nicht eingehalten. Unser Körper hat leider kein Empfinden für die relative Luftfeuchtigkeit. Wir merken nur, wenn die Luft zu trocken oder zu feucht ist, dann wird es für uns unangenehm. Den Bereich dazwischen können wir lediglich mit einem Messgerät für die relative Luftfeuchtigkeit überwachen. Ein Hygrometer an der Wand zeigt jederzeit die aktuellen Werte und hilft uns, das Raumklima zu steuern.

Dabei ist Lüften allein nicht das Allheilmittel. Wer im Winter lüftet, der kühlt. Zunächst die Raumluft, bei längerem Lüften aber zunehmend auch die Bauteiloberflächen. Ohne anschließendes Heizen bleiben die Temperaturen so niedrig, dass die Luft nicht in der Lage ist, genügend Wasser aufzunehmen. Es kommt zu Kondensat. An einer Fensterscheibe mit einem schlechten Dämmwert wird dieses als Beschlag sichtbar. Ist ein modernes Fenster mit guter Wärmedämmung eingebaut, sind die dadurch höheren Oberflächentemperaturen in vielen Fällen oberhalb des Taupunktes und die Scheibe beschlägt nicht. Das in der Raumluft enthaltene Wasser kondensiert dann an anderen, kälteren Oberflächen, wie z.B. den Laibungen oder den Raumecken. Dort ist der Beschlag im Normalfall nicht zu sehen, bildet aber die Grundlage für einen Schimmelpilzbefall.  Es ist wichtig, ausreichend zu heizen, damit die sich erwärmende Raumluft Feuchtigkeit aufnehmen und dann hinausgelüftet werden kann.

Wenn es bereits zu Schimmelpilzbefall gekommen ist, muss saniert werden. Ist die befallene Stelle größer als 0,5 m², soll dies durch Fachhandwerker ausgeführt werden. Im Falle der schwarzen Dichtungen am Fenster können wir die Fugen reinigen, behandeln und neu versiegeln. Auf Wunsch kann dafür auch eine Versiegelung verwendet werden, die fungizid (pilztötend) eingestellt ist.

Eine Sanierung ist nur sinnvoll und nachhaltig, wenn die Ursachen des Schimmelpilzbefalls erkannt und abgestellt werden.

Ein Paar sucht sich Glas aus

Wenn ein Kunde sagt: „Ich möchte mir bei Ihnen Glas aussuchen.“, dann ist das eigentlich kein Problem. Er wird nach seinen Vorstellungen gefragt, bekommt ein paar Muster gezeigt, wählt eines davon aus und der Auftrag läuft.

Wenn es heißt: „Wir wollen uns Glas aussuchen.“, dann wird es ernst, manchmal sogar sehr ernst. Dann kommen nämlich mindestens zwei Personen, Türken kommen auch schon mal zu fünft. Und oft immer ist es dann so, dass die Ansichten unvereinbar verschieden sind. Ich frage zunächst, ob der Durchblick durch die Verglasung gewünscht ist oder vermieden werden soll, weil sich daraus jeweils verschiedene Möglichkeiten an Gläsern ergeben. Damit sind einige Paare bereits überfordert. Einigen muss man erklären, was „durchsichtig“ bedeutet. Und wird dann gefragt, was denn bitte „undurchsichtig“ sei. Glücklicherweise kann ich das immer alles mit einem entsprechenden Glasmuster belegen, erklären und zeigen. Als Beispiel für „durchsichtig“ präsentiere ich ein Stück Klarglas und der Kunde bestätigt: „Ja, da kann man tatsächlich durchgucken. Aber das wollen wir ja gar nicht. Das Glas soll doch in die Badezimmertür. Das ist dann ja ungünstig, wenn man reinschauen kann. Haben Sie nicht etwas zum Nicht-Durchgucken?“ Ich zeige Verbund-Sicherheitsglas mit matter Folie – sicher, pflegeleicht und undurchsichtig, aber lichtdurchlässig. „Ja, nee, da kann man ja gar nichts durch sehen. Es gibt doch so Riffelglas…“

“Riffelglas” – die richtige Bezeichnung ist Ornamentglas – gibt es in vielen unterschiedlichen Strukturen. Und damit beginnen die Unannehmlichkeiten. Ich brauche nur auf ein Glasmuster zu zeigen, schon sagt einer ja und einer nein. Und man bekommt oft genug eine Lehrvorführung in Streitkultur. Wenn alles gutgeht, erklärt jeder dem jeweils anderen seine Vorstellungen und man einigt sich auf ein Ornament oder auch auf eine kleine Auswahl, die ich dann zur weiteren Entscheidungsfindung gerne mitgebe. Das ist der normale Ablauf einer Entscheidungsfindung.

Es geht auch anders. So zum Beispiel:

Ein junges Paar mit quengelndem Kleinkind, die Mutter genervt und erschöpft, der Vater eher lustlos und desinteressiert. Was ihr gefällt, lehnt er konsequent ab, und umgekehrt. Plötzlich sagt sie: “Dir gefällt das alles nicht, was ich gut finde. Gefalle ich Dir denn noch? Und unser Kind?“ Er bemerkt verstört, dass man das ja nun wirklich nicht hier diskutieren müsse, woraufhin sie mit einem irren Lachen erklärt, dass man das “aber ganz genau hier und vor allem jetzt und zwar endgültig“ ausdiskutieren müsse und auch werde, weil sonst…

Das “sonst” habe ich dann nicht mehr erfahren, denn der Mann war reflexartig mit dem Kind zum Auto geflüchtet. Woraufhin die Frau seelenruhig ein ihr genehmes Glasmuster auswählte und sich mit einem „So klappt das immer“ verabschiedete.

Oder auch so:

Ein Rentnerehepaar kann sich nicht entscheiden. Beiden gefallen mehrere Ornamente, die Frau erklärt wortreich die jeweiligen Vorzüge und gerät bei jedem Glasmuster ins Schwärmen. Der Mann stellt mir kurze, knappe Fragen, die aber, bevor ich reagieren kann, ausholend von ihr beantwortet werden. Ein Redeschwall ohne Beispiel, der erst endet, als er ruft: “Nun halt‘ doch mal den Mund, wenn ich mit dem Glaser rede!“

Oder so:

Wieder ein Ehepaar, reiferes Alter, Sie hat das Sagen. Anders ausgedrückt: Er hat nichts zu sagen, außer: „Gute Entscheidung, Mäuschen. Ich freue mich, dass es Dir gefällt, guck‘ ruhig noch weiter, Mäuschen. Das ist alles schön, was du aussuchst.“ Sie sucht dann auch aus, er findet es entzückend und die Beiden gehen.

Allerdings kommt er nach ein paar Minuten zurück und erklärt, dass die Entscheidung seiner Frau von vorhin ungültig sei. Er würde jetzt ein Ornament aussuchen und das würde dann auch eingebaut. Ich frage verunsichert, was denn seine Frau dazu sagen würde. Seine Antwort: „Die sagt da gar nichts zu. Die wird eine Nacht schlechte Laune haben und den Tag darauf ein Geschenk verlangen. Aber so bekomme ich wenigstens das, was ich möchte.“

Der Verkaufsanhänger

Der Verkaufsanhänger für griechische Spezialitäten rollt nach telefonischer Ankündigung  pünktlich auf den Hof. Das Zugfahrzeug ist ein normaler Mercedes-Kombi, allerdings an Kühler und Motorhaube getarnt wie ein Erlkönig. Drei Mann Besatzung prüfen mehrmals, ob der Anhänger sicher abgestellt wird und auch gefahrlos über Nacht stehen bleiben kann. Eingehend wird die (defekte) Mechanik der Verkaufsklappe erklärt, vorgeführt und abgefragt. Die Schlüssel werden übergeben. Ich überprüfe das vorher aufgegebene Maß der fehlenden Scheibe und muss die Abweichung ausdiskutieren. Ich erkläre die Glasart und warum diese verwendet werden muss. Ich bestätige, dass der vereinbarte Preis sich nicht ändert. Ich versichere, dass der Wagen am nächsten Tag fertig ist und abgeholt werden kann. Als ich sage, dass meine Leute heute noch mit der Arbeit beginnen, legen sich die Stirnen in Falten. „Machst Du nicht selbst?“ Es gelingt mir, darzulegen, dass ich die gewonnenen Informationen in Gänze weitervermitteln kann und meine Gesellen befähigt sind, die Reparatur auszuführen. Nach einem abschließenden Rundgang um den abgestellten Anhänger fahren die Drei dann vom Hof.

Die Übertragung des Arbeitsauftrags an den Gesellen gestaltet sich dagegen wohltuend einfach: „Mach die Kiste man heute noch fertig, die wird morgen früh abgeholt.“

Meine Lehrlinge. Heute: Mario

Seit ich Meister bin, bilde ich auch Lehrlinge aus. Ich halte das für meine gesellschaftliche Pflicht und der Fachkräftemangel kommt ja sowieso. Ich habe nie großartig Stellen ausgeschrieben oder um Lehrlinge geworben, die Anwärter kamen meist aus eigener Initiative oder waren vorher Praktikanten. Als schulische Voraussetzung für den Beruf des Glasers wird ein Hauptschulabschluss erwartet, eine höhere Bildung ist gerne gesehen. Es hat sich in der Vergangenheit gezeigt, dass die Berufsbilder immer anspruchsvoller werden, das mitgebrachte Schulwissen aber gleichzeitig immer lückenhafter wird. Ich sehe mir die Zeugnisse natürlich an, aber letztendlich bin ich der Meinung, dass man den jungen Leuten die Möglichkeit geben sollte, sich in der Praxis zu beweisen. Ich halte nichts davon, Castings zu veranstalten oder Mathetests schreiben zu lassen. Und eine topgestylte Bewerbungsmappe ist meistens nur das Ergebnis eines entsprechenden Kurses und zeigt nicht das Können des Auszubildenden. Beim Vorstellungsgespräch kläre ich den Bewerber gründlich darüber auf, dass der Beruf körperlich anstrengend und gefährlich ist und der Verdienst dafür nicht gerade übermäßig. Das ist die Konfrontation mit der Realität.

Wenn das verstanden ist, gibt es den Ausbildungsvertrag. Die Probezeit ist dabei lang genug, dass beide Seiten die entsprechenden Eindrücke sammeln können. Der wahre Charakter zeigt sich erst nach einiger Zeit, das trifft auf den Bewerber wie auf den Beruf selbst zu. Eine etwaige Fehlentscheidung kann dann auf einfache Weise aufgehoben werden.

Als Mario zum Vorstellungsgespräch kommt, steht er klein und schmächtig vor mir, hat ein sehr schlechtes Zeugnis dabei und einen kleinen Zettel, auf dem er sich Fragen notiert hat. Fragen nach der Berufsschule, nach der Arbeitskleidung, nach der Busverbindung, nach den Pausen und ob er den Führerschein bezahlt bekommt. Der macht sich wenigstens Gedanken, denke ich. Er bekommt seine Chance und damit hat er die Lehrstelle.

Nach Ausbildungsbeginn haben wir einen sehr willigen, fleißigen Arbeiter, der sich sogar auf die Berufsschule freut. „Vielleicht kann ich meine Noten verbessern. Vielleicht mache ich sogar meinen Realschulabschluss nach.“ Der Altgeselle macht ihm sofort klar, dass er seine Noten ziemlich sicher nur verbessern könne, weil verschlechtern wohl kaum noch ginge. Mario nimmt es als Ansporn.

Einige Tage später meldet mir der Geselle, dass er sein Geld nicht finden kann, er sich aber ganz sicher ist, welches eingesteckt zu haben. Und in der Woche darauf ist er sich sicher, dass er im Frühstücksraum bestohlen wird.  Da wir alle lange Jahre zusammen arbeiten, ohne dass je etwas gestohlen wurde, fällt der Verdacht natürlich sofort auf Mario. Ich überlege, ihn darauf anzusprechen, verwerfe den Gedanken aber wieder. Er würde abstreiten, die Diebstähle würden vermutlich aufhören, aber es bliebe der Verdacht und ein ungutes Gefühl. Stattdessen überlegen wir uns eine Falle. Wir kopieren die Geldscheine, die der Geselle dabei hat und lassen den Lehrling im Frühstücksraum abwaschen. Nach einiger Zeit schicke ich ihn mit einem anderen Gesellen auf eine Baustelle, der Geselle hat Anweisung, ihn genauestens zu beobachten. Währenddessen stellt der Altgeselle tatsächlich den vollzogenen Diebstahl fest, alle Geldscheine sind weg. Der Rest ist jetzt Sache der Polizei. Die holt Mario mit einigem Aufsehen von der Baustelle und bringt ihn zu uns. Da er die Tat vehement bestreitet, und dann noch anfängt, die Beamten zu beschimpfen, verschwinden die kurzerhand mit ihm im Keller und machen eine gründliche Personenkontrolle. Das Geld finden sie dabei in seinem Strumpf. Der Vergleich mit den Kopien der Geldscheine überführt ihn schließlich.

Ich habe leider keine andere Wahl, als das Ausbildungsverhältnis zum selben Zeitpunkt zu beenden.

Das sollen die Kinder machen!

Immer öfter fiel mir in letzter Zeit in den umliegenden Siedlungen auf, dass Hausbesitzer im Rentenalter keine Investitionen mehr tätigen wollen oder können.
Ich komme zum Aufmaß, meistens wegen einer zerbrochenen Scheibe. Die muss repariert werden, das ist klar und unvermeidlich. Aber wenn ich dann anmerke, dass die anderen Scheiben alle schon blind sind und man mit neuem Isolierglas ja auch Energie sparen könnte und behaglicher würde es auch – „Nein!“, werde ich sofort unterbrochen, „wir machen hier nichts mehr. Das können unsere Kinder später machen, wenn die das Haus übernehmen.“
Die Kinder – in den meisten Fällen sind das Leute über fünfzig – sehen das vermutlich anders. Oft genug habe ich die Gelegenheit, auch mit diesen Leuten zu sprechen und dabei wird klar, dass meist gar kein Interesse oder nicht die finanzielle Möglichkeit besteht, ein Haus mit Sanierungsstau zu übernehmen. „Wir verkaufen sofort.“ habe ich schon mehrmals gehört, aber dabei gilt es zu bedenken, dass ein Haus, dass technisch und energetisch nicht auf dem neuesten Stand ist, heute schwer oder gar nicht zum gewünschten Preis zu verkaufen ist. Dies wird mit der Einführung der neuen Energieeinsparverordnung, vermutlich im nächsten Jahr, noch erschwert, weil bei Verkauf und Vermietung schon in der Immobilienanzeige die Energiekennwerte angegeben werden müssen. Letztendlich führt das dazu, dass die Häuser, die für die derzeitigen Bewohner hohe Werte darstellen, in Wirklichkeit gar keinen Wert mehr haben. Was Wert hat, ist nur noch das Grundstück, die Lage. Dazu kommt, dass in so einem typischen Siedlungshaus – zweimal angebaut, Stufe runter, Stufe wieder hinauf – heute niemand mehr wohnen will, da haben sich die Ansprüche schon etwas gewandelt. In der Regel werden die Häuser einfach abgerissen und ein dreiviertel Jahr später steht da so ein neuer Wohnwürfel, wie sie derzeit überall gebaut werden. Das habe ich in letzter Zeit mehrfach beobachtet und das Bild der Siedlungen wandelt sich sehr schnell und sehr stark.

Und ich vermute, dass es über kurz oder lang unseren Villenvierteln genauso ergehen wird.

 

Praktikanten

Um möglichst vielen Menschen einen Einblick in den Beruf des Glasers  zu ermöglichen, biete ich jedem einen Praktikumsplatz, der danach fragt, ich habe tatsächlich noch Niemanden abgelehnt. Ich hatte Schülerpraktikanten von Haupt- und Realschulen, Schulabbrecher aus Maßnahmen des Arbeitsamtes, Gescheiterte aus Entzugsprogrammen, Leute aus Fördergesellschaften und Auffangmaßnahmen. Viele wurden vermittelt, manche kamen freiwillig. Die Praktika dauern in der Regel zwei Wochen, manchmal länger, einige brechen nach wenigen Tagen oder sogar Stunden ab. Vom Arbeitsamt sollte einmal ein Mädchen kommen, das dann aber anstelle des sehr kurzfristig und eilig vereinbarten Praktikums  eine Urlaubsreise mit seiner Mutter vorgezogen hat. Über die Einstellung der Mutter kann man dabei auch einmal nachdenken.

Gerade habe ich seit Frühjahr einen Jugendlichen, der sein Praktikum solange ausdehnen konnte, bis er im Herbst seine Ausbildung bei uns beginnen kann. In diesem Fall ist das Praktikum ideal verlaufen und hat sein Ziel voll erreicht. Wir als Betrieb konnten den Jungen langfristig beobachten und prüfen, ob er zuverlässig und belastbar ist und in unser Team passt, er selbst bekam einen umfassenden Ausblick auf das spätere Berufsleben. Alles gut.

Häufiger läuft es anders.

Kevin* kommt häufig zu spät. Nachdem die üblichen Korrekturversuche keinen Erfolg zeigen, stellt sich heraus, dass der Junge schlafwandelt. „Ich kann nicht aufstehen, ich merke ja nicht, wenn der Wecker klingelt.“ Ich schlage vor, sich irgendeine Methode zu ersinnen, notfalls mit ärztlicher Hilfe, den Weckvorgang in den Griff zu bekommen, aber es zeigt sich, dass er mit seiner Ausrede bisher immer gut durchgekommen ist und daher nichts ändern möchte. Ich erkläre ihm die Notwendigkeit von Pünktlichkeit und Zuverlässigkeit im beruflichen Leben, erreiche ihn aber nicht wirklich. Er sieht keine Notwendigkeit, an sich zu arbeiten und beendet das Praktikum.

Roland* ist Anfang dreißig, ein Nervenbündel, und erscheint mit seinem Betreuer. Der versichert mir, der Roland wäre jetzt langsam so weit, dass er zwei Stunden täglich arbeiten könne. Ein Drogenproblem hat seinen Körper und Geist aufs Äußerste mitgenommen, eine jahrelange Therapie liegt bereits hinter ihm. Ich willige ein, wir versuchen es mal mit dem Arbeiten. Leider zeigt sich, dass hier ein normales Leben nicht und wahrscheinlich auch nie mehr möglich sein wird. Nach einigen Wochen geht Roland in die Therapie zurück. Es war uns nicht gelungen, ihn dazu zu bewegen, sich einen Fehler einzugestehen. Jedes Ansprechen löste sofort heftigsten Widerstand aus, auch die Arbeitszeit konnten wir nicht wirklich ausdehnen. Er ist den Belastungen eines Arbeitslebens in keiner Weise gewachsen. Monate später schreibt er uns einen Brief, in dem er berichtet, dass er jetzt eingesehen habe, dass er damals das Verkitten wohl doch nicht ganz richtig gemacht hatte. Es geht also noch aufwärts mit ihm.

Florian* ist 21 Jahre alt, hat vor fünf Jahren ohne Abschluss eine Förderschule verlassen und bis jetzt nichts gemacht, außer auf Kosten seiner Freundin zu leben. Die Arbeitsagentur schickt ihn zu uns und er will unbedingt eine Ausbildung, weil er jetzt eingesehen hat, „dass man das wohl braucht“ und einen Schulabschluss will er auch nachholen. Wie wir später herausfinden, steckt hinter dieser Einsicht eine ihm von seiner Freundin eingeräumte allerletzte Chance, es zu etwas zu bringen. Hochmotiviert tritt er sein Praktikum an und fragt, wann er denn endlich die Firmenkleidung bekommt, damit er sich auch wirklich dazugehörig fühlen kann. Ich kann natürlich nicht jeden Praktikanten gleich komplett einkleiden, gebe ihm aber einen Pullover mit unserem Logo. Ich glaube, er hat ihn rund um die Uhr getragen. Bei der Arbeit fällt den Gesellen zunächst auf, dass er nicht rechnen kann. Gar nicht. Und tatsächlich ist es so. Beim Anzeichnen von Bohrlöchern auf einem Profil muss er 150 cm durch drei teilen und scheitert kläglich. Rechnen kann man ja vielleicht noch lernen denke ich. Meine Frau recherchiert nach Rechenhilfen, macht mit dem Arbeitsamt Nachhilfe klar, aber es stellt sich heraus, dass er auch sonst nichts kann. Er ist mit den einfachsten Dingen überfordert. Wenn er Silikon aus dem Auto holen soll, hat er im Auto bereits vergessen, ob braunes oder weißes und bringt schwarzes. Und beim zweiten Versuch Graues. Beim dritten Versuch weiß er überhaupt nicht mehr, was er holen soll, oder sollte er etwas wegbringen? Er ist nicht in der Lage, die allerniedersten Aufgaben zu erfüllen. Die Gesellen nennen ihn nun nur noch den Atomphysiker, wir müssen das Praktikum beenden. Daraufhin gehen die Beschimpfungen los. Er hätte nie die Chance bekommen, sich zu beweisen, in ihm würde viel mehr stecken und die Berufsschule würde er ganz sicher schaffen. Wir versuchen ihm klarzumachen, dass etwas mit seiner Selbstwahrnehmung nicht in Ordnung sei, aber es ist vollkommen aussichtslos. Seine Freundin verlässt ihn am selben Tag. Zurück bleibt ein junger, gesunder, kräftiger Mann ohne Zukunft.

* Die Namen sind natürlich geändert.