Ein Paar sucht sich Glas aus

Wenn ein Kunde sagt: „Ich möchte mir bei Ihnen Glas aussuchen.“, dann ist das eigentlich kein Problem. Er wird nach seinen Vorstellungen gefragt, bekommt ein paar Muster gezeigt, wählt eines davon aus und der Auftrag läuft.

Wenn es heißt: „Wir wollen uns Glas aussuchen.“, dann wird es ernst, manchmal sogar sehr ernst. Dann kommen nämlich mindestens zwei Personen, Türken kommen auch schon mal zu fünft. Und oft immer ist es dann so, dass die Ansichten unvereinbar verschieden sind. Ich frage zunächst, ob der Durchblick durch die Verglasung gewünscht ist oder vermieden werden soll, weil sich daraus jeweils verschiedene Möglichkeiten an Gläsern ergeben. Damit sind einige Paare bereits überfordert. Einigen muss man erklären, was „durchsichtig“ bedeutet. Und wird dann gefragt, was denn bitte „undurchsichtig“ sei. Glücklicherweise kann ich das immer alles mit einem entsprechenden Glasmuster belegen, erklären und zeigen. Als Beispiel für „durchsichtig“ präsentiere ich ein Stück Klarglas und der Kunde bestätigt: „Ja, da kann man tatsächlich durchgucken. Aber das wollen wir ja gar nicht. Das Glas soll doch in die Badezimmertür. Das ist dann ja ungünstig, wenn man reinschauen kann. Haben Sie nicht etwas zum Nicht-Durchgucken?“ Ich zeige Verbund-Sicherheitsglas mit matter Folie – sicher, pflegeleicht und undurchsichtig, aber lichtdurchlässig. „Ja, nee, da kann man ja gar nichts durch sehen. Es gibt doch so Riffelglas…“

“Riffelglas” – die richtige Bezeichnung ist Ornamentglas – gibt es in vielen unterschiedlichen Strukturen. Und damit beginnen die Unannehmlichkeiten. Ich brauche nur auf ein Glasmuster zu zeigen, schon sagt einer ja und einer nein. Und man bekommt oft genug eine Lehrvorführung in Streitkultur. Wenn alles gutgeht, erklärt jeder dem jeweils anderen seine Vorstellungen und man einigt sich auf ein Ornament oder auch auf eine kleine Auswahl, die ich dann zur weiteren Entscheidungsfindung gerne mitgebe. Das ist der normale Ablauf einer Entscheidungsfindung.

Es geht auch anders. So zum Beispiel:

Ein junges Paar mit quengelndem Kleinkind, die Mutter genervt und erschöpft, der Vater eher lustlos und desinteressiert. Was ihr gefällt, lehnt er konsequent ab, und umgekehrt. Plötzlich sagt sie: “Dir gefällt das alles nicht, was ich gut finde. Gefalle ich Dir denn noch? Und unser Kind?“ Er bemerkt verstört, dass man das ja nun wirklich nicht hier diskutieren müsse, woraufhin sie mit einem irren Lachen erklärt, dass man das “aber ganz genau hier und vor allem jetzt und zwar endgültig“ ausdiskutieren müsse und auch werde, weil sonst…

Das “sonst” habe ich dann nicht mehr erfahren, denn der Mann war reflexartig mit dem Kind zum Auto geflüchtet. Woraufhin die Frau seelenruhig ein ihr genehmes Glasmuster auswählte und sich mit einem „So klappt das immer“ verabschiedete.

Oder auch so:

Ein Rentnerehepaar kann sich nicht entscheiden. Beiden gefallen mehrere Ornamente, die Frau erklärt wortreich die jeweiligen Vorzüge und gerät bei jedem Glasmuster ins Schwärmen. Der Mann stellt mir kurze, knappe Fragen, die aber, bevor ich reagieren kann, ausholend von ihr beantwortet werden. Ein Redeschwall ohne Beispiel, der erst endet, als er ruft: “Nun halt‘ doch mal den Mund, wenn ich mit dem Glaser rede!“

Oder so:

Wieder ein Ehepaar, reiferes Alter, Sie hat das Sagen. Anders ausgedrückt: Er hat nichts zu sagen, außer: „Gute Entscheidung, Mäuschen. Ich freue mich, dass es Dir gefällt, guck‘ ruhig noch weiter, Mäuschen. Das ist alles schön, was du aussuchst.“ Sie sucht dann auch aus, er findet es entzückend und die Beiden gehen.

Allerdings kommt er nach ein paar Minuten zurück und erklärt, dass die Entscheidung seiner Frau von vorhin ungültig sei. Er würde jetzt ein Ornament aussuchen und das würde dann auch eingebaut. Ich frage verunsichert, was denn seine Frau dazu sagen würde. Seine Antwort: „Die sagt da gar nichts zu. Die wird eine Nacht schlechte Laune haben und den Tag darauf ein Geschenk verlangen. Aber so bekomme ich wenigstens das, was ich möchte.“

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